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The Ocean

Storie von: arne, am 12.11.2007 ]

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht: Getreu diesem Motto scheinen die Berliner von THE OCEAN in die Arbeit an ihrem vierten Longplayer “Precambrian” gegangen zu sein. Die randvolle Doppel-CD mit einer Spielzeit von knapp 85 Minuten ist das Ergebnis einer wahren Recording-Odyssee, die von Finnland über Nord-Schweden, Belgien und Holland bis nach Los Angeles, Seattle und die Ost-Küste der Staaten führte.

 
„Man muss immer das Unmögliche wollen, um am Ende etwas Gutes zu leisten. Es darf kein "das geht nicht" geben.“ formuliert Bandkopf Robin Staps den eigenen Anspruch im Gespräch: „Alles muss erlaubt sein, und man sollte alles versuchen, was vielversprechend erscheint. Man muss aber auch rechtzeitig erkennen, welche Wege zum Ziel führen und welche nicht. Das ist nicht immer einfach. Hätten wir nicht stets von Unmöglichem geträumt, und wären wir nicht wieder und wieder daran gescheitert, würde der Ozean heute wahrscheinlich Garagenpunk machen.“ Und davon zeigt sich das Berliner Künstler-Kollektiv weit entfernt. Progressiver Metal in immens breiter Anlage bildet die Basis des vierten Albums der Band. Konzeptionell vertont man Großes: “Precambrian“ ist ein Doppelalbum, bestehend aus der Full-Length CD 'Proterozoic' und der Mini-CD 'Hadean / Archaean'. Letztere setzt musikalisch dort an, wo “Aeolian“ aufgehört hat, wohingegen wir auf ersterer in neue, teils ruhigere, aber auch tiefere, schwerere und düsterere Gefilde vordringen. Das Artwork und Konzept hinter dem Album dreht sich um die ersten Kapitel in der Entstehung der Erde, als Lava und Schwefel die Welt regieren und von Leben noch keine Spur war.“

Angesichts dieser Arbeitsskizze ist deutlich, dass THE OCEAN abermals ein Album vorlegen, dem man Zeit widmen muss, und das seine Geheimnisse erst nach und nach preisgibt: „Das ist wie mit einer Beziehung: Wenn man mehr Zeit und Energie da rein steckt, bekommt man am Ende auch mehr raus. Unsere Musik ist eine Antithese zu den allgemein grassierenden Maximen der Oberflächlichkeit, Flüchtigkeit und Langeweile in Kunst und Unterhaltung. Es muss auch leichtverdauliche Spaß-Musik geben, und ich selbst bin auch Fan von derbstem, simplem Rock’n’Roll mit der richtigen Attitüde. Aber wenn's ums selber machen geht, dann zeckt mich das einfach nicht an. Was wir für Hörergruppen erreichen, weiß ich nicht genau. Am Ehesten wohl auch Leute, die mehr von Musik erwarten als Hintergrundbeschallung zur täglichen myspace-Stunde.“

Die Album-Konzepte von THE OCAEN umfassen traditionell Musik, Texte und Artwork, platzieren sich ganz bewusst in Abgrenzung zu elektronischen Downloads und Filesharings: „Wir haben ja prinzipiell nichts gegen Downloads und die Verbreitung von Musik mittels elektronischer Medien. Aber es geht dabei oft etwas verloren. Ich komme vielleicht aus einer altmodischen Generation, in der man noch Texte gelesen hat und ein Album in seiner Gesamtheit versucht hat zu absorbieren. Das ist schwierig, wenn sich Musik auf eine Datenmenge auf der Festplatte reduziert. Musik hat für mich immer auch visuellen Charakter gehabt, Artwork und Präsentation konsolidieren die Stimmung, die ein Album erzeugen will. Darüber hinaus bin ich bekennender Fan der Idee, dass ein Album auch in musikalischer Hinsicht mehr sein kann, und sollte, als die Summe seiner Songs. Alle Alben, die Klassiker-Status haben, egal ob in der Klassik, im Rock, Pop oder Metal-Bereich, sind Alben, die sich dadurch auszeichnen,


dass man sie durchhören möchte, dass es Dir im besten Falle fast schon absurd erscheint, einen Song abzubrechen oder den nächsten an zu skippen. In der neuen digitalen Welt aber geht dieser ganzheitliche Album-Gedanke weitgehend verloren. Es gibt Milliarden von Songs, aber keine Alben mehr. Viele Bands richten ihre Musik auch nur noch darauf aus, den perfekten Song zu schreiben, und wenn man diesen Song dann hört und sich daraufhin das Album kauft, ist man bitterlich enttäuscht, weil es da null Konzept, null Gedanke, null Zusammenhalt, null Sinn gibt. Das wollen wir vermeiden. Du glaubst nicht, wie schwer wir uns damit getan haben, einen einzigen Song auszuwählen, um ihn auf unsere myspace Seite zu stellen! Fast schon ein Ding der Unmöglichkeit, weil kein Song für das ganze Album repräsentativ ist. Aber das ist auch gut so.“

Der „Medien-Hype“ um die Berliner ist dennoch mit jeder neuen Veröffentlichung gestiegen; teils mit obskuren Vergleichen versehen: „Besonders lachen musste ich bei dem hier: "THE OCEAN's Robin Staps is to metal what George Lucas is to filmmaking". Das hat Kevin Stweart-Panko von Metal Maniacs USA verlautbaren lassen. Da hab ich mich dann gefragt: Ist das überhaupt ein Kompliment? David Lynch oder Tarantino hätte mich gefreut, aber Mr. Lucas hat seit Jahren nix Dolles hervorgebracht, wie ich finde. Ansonsten mache ich mir über Presse-Reaktionen nicht so viel Birne. Wir machen Alben, die sich nicht nach dem ersten Hören erschließen. Die meisten Redakteure und Rezensenten der größeren Magazine haben aber gar nicht die Zeit, eine Platte viel mehr als ein, zweimal zu hören. Insofern wundert es mich schon fast, dass die Reaktionen auf “Aeolian“ doch weitgehend sehr gut waren. Es freut mich natürlich, dass das, was wir machen, auch auf Interesse stößt und gewürdigt wird. Wäre das nicht so, hätte man auch wenig Bock, sich durch solche Mammut-Sessions durchzubeißen, wie wir gerade wieder mal eine hinter uns gebracht haben.“

Mit Schubladen wie Post-Rock oder Post-Metal kann Staps dabei nicht viel anfangen: „Ich find den Post-Begriff total albern, auch wenn mir vieles, was darunter fällt, gefällt. Im Prinzip ist das doch nur ein bescheuertes Wort für Prog. Jahrelang wollte es niemand mehr in den Mund nehmen, aber in jüngster Zeit erlebt der Begriff eine gewisse Renaissance. Wenn das 'Post-' in 'Post-Rock' oder 'Post-Metal' von 'Postmoderne' kommt, dann scheue ich mich noch mehr, uns dieses Tag anzuhängen: Denn die Postmoderne, mit ihren Forderungen nach Vielheit statt Einheit, ist ja genau das, was wir heute erleben, und wogegen wir uns stemmen; die philosophische Grundlage und Rechtfertigung der myspace-Generation. Wenn Lyotard mit seinem sehr erlesenen Musikgeschmack gewusst hätte, dass er mit seinem Gelaber das Ende des Albums heraufbeschwört, hätte er sich das wahrscheinlich zweimal überlegt! Auch ist unsere Musik eher Konstruktion als Dekonstruktion. Wir sind nicht post- oder pre-irgendwas – wir sind einfach da. Hier, jetzt, in der Gegenwart.“

 
 Links:
  theoceancollective.com
 
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