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Tool

Storie von: arne, am 28.04.2006 ]

Schon seit “Aenima“, spätestens seit “Lateralus“, gelten TOOL aus Los Angeles als eine der visionärsten und wichtigsten Bands der jüngeren Rock-Geschichte, was nicht ausschließlich mit der Musik des Quartetts zusammen hängt. Die gesamte Konzeption und Außendarstellung der Gruppe durch Artworks, Video- und Live-Inszenierungen, aber auch der „kalkulierte“ Rückzug vor Presse und Fans lässt viel Raum für Mutmaßungen und abstrusen Theorien, die von TOOL weder bestätigt noch dementiert werden.

 
Auf Internet-Foren werden in den Texten Verschwörungsformeln „entdeckt“ oder Songplatzierungen mit Zahlenreihen mystischer Rituale in Verbindung gebracht. Der spirituelle Rahmen, den TOOL-Releases traditionell aufweisen, nährt diese Spekulationen wie auch die von der Band verwandten düster-apokalyptischen Sounds und Bilder.

Nach vierjähriger Funkstille legt das Quartett mit “10.000 Days“ ein neues Album vor, dass vorab einem Staatsschatz gleich gehütet wurde. Lediglich einer Handvoll Journalisten wurde im umfunktionierten Münchener Polizeischießstand ein für Deutschland exklusives Pre-Listening unter Anwesenheit von Maynard James Keenan (Gesang), Justin Chancellor (Bass) und Danny Carey (Schlagzeug) gewährt, dem Tags darauf Interviews folgten.

Anhand nur einer Rotation der Songs auf ohrenbetäubender Lautstärke lassen sich lediglich erste Tendenzen hinsichtlich der Weiterentwicklung gegenüber “Lateralus“ formulieren. Fest steht, dass TOOL im Songwriting mehr Variabilität als jemals zuvor an den Tag legen und die Spielzeit der einzelnen Stücke ausweiteten. Die Mischung aus Ambient, progressive Rock und Metal wird beibehalten, jedoch neu akzentuiert. So startet “10.000 Days“ ungewohnt hart und verschachtelt und geht erst mit der Zeit in sphärischere Arrangements über. Trotz vieler experimenteller Passagen ist über die gesamte Spielzeit hinweg ein beständiger Groove spürbar, der quasi als „Bindemittel“ fungiert. Maynard James Keenan platziert seine Vocals sowohl offensiver als auch bedächtiger, jeweils in Abhängigkeit der „Anforderung“ der Songs. Die politische Schlagseite der Texte überrascht hingegen, denn Maynard erzählt die Geschichte einer Jesus-ähnlichen Figur, die daran scheitert, die Welt vom Übel der heutigen Zeit zu befreien...

Die Notwendigkeit von Pre-Listening-Sessions und Presseterminen für Bands, wie TOOL eine sind, liegt auf der Hand, doch für die Musiker selbst sind sie Drummer Danny Carey zufolge eher lästig: „Um ehrlich zu sein, mag ich derartige Events überhaupt nicht und fühle mich auf diesen Veranstaltungen fast imm er unwohl. Es ist schlichtweg unangenehm, wenn wenigstens die Hälfte der Leute vorrangig auf die Reaktionen von uns achtet und sich nicht der Musik widmet, wie es eigentlich intendiert ist. Auch gestern habe ich wieder einmal mit dem Gedanken gespielt, den Raum zu verlassen und außerhalb zu warten, habe mich letztlich aber doch zum Bleiben entschieden. Immerhin war das Bier gut und wir hatten Spaß.“ Was am Abend zuvor auffiel, war dennoch die Tatsache, dass auch die Musiker selbst konzentriert ihren Songs lauschten:

„Die Platte ist auch für mich noch sehr neu, da wir die fertigen Songs erst seit wenigen Tagen vorliegen haben. Insofern ist es schon interessant, die Songs auf verschiedenen Anlagen zu hören und zu erfahren, wie sich ihre Wirkung in Abhängigkeit von Räumen und Kulissen verändert. Noch immer bin ich damit beschäftigt, die einzelnen Songs zu analysieren und mir eine endgültige Meinung über unsere Arbeit und besonders meine Rolle in den Songs zu bilden. Im Arbeitsprozess selbst ist man so stark engagiert und konzentriert, dass man bisweilen das Gesamtbild aus den Augen verliert. Diese Listening-Veranstaltungen ermöglichen es mir nun, das Album im Ganzen aufzunehmen und zu bewerten.“

Das Fazit fällt erwartungsgemäß positiv aus, doch: „Natürlich findet man als Künstler immer Punkte, mit denen man unzufrieden ist, und die man später gerne verändern würde, aber das Interessante ist, dass sich bestimmte Details jeden Abend anders anhören und dass tatsächlich die Qualität der Musikanlage dafür verantwortlich zu sein scheint, wie unsere Songs wirken. Ich bin vor allem an der sich entwickelnden Atmosphäre und Klangwirkung interessiert, und bislang wirkt das Album noch jeden Abend anders. Eben mit dieser Absicht haben wir


die Songs gemixt. Es gab verschiedene Arbeitsstufen, die wir an unterschiedlichen Orten getestet haben, etwa im Proberaum, in unseren Wohnungen, alleine, in der Gemeinschaft der Gruppe, bei Freunden – einfach bei möglichst vielen Gelegenheiten. Es war uns wichtig, vorab zu erfahren, wie die Songs später wirken würden. Die Erlebnisse auf der Pre-Listening-Tour scheinen zu belegen, dass wir unser Vorhaben erfolgreich umgesetzt haben.“

Dem Drummer ist zudem Folgendes aufgefallen: „Auch wenn es sich abgedroschen anhören mag, ist uns selbst beim Arbeiten an der Platte und mehr noch in den letzten Tagen aufgefallen, dass wir bessere Musiker geworden sind. Das hat zur Konsequenz, dass die Arrangements präziser und fokussierter geworden sind. Wir kommen heute schneller zum Ziel, was uns die Möglichkeit eröffnet, zwischendurch ausgiebig zu improvisieren. Denn wenn der Hauptstrang eines Songs klar ist, kann man sich der Ausfüllung widmen. Dabei war uns vor allem wichtig, deutliche Kontraste in jedem einzelnen Song zu schaffen, und dennoch nicht so sehr abzuschweifen, dass wir den roten Faden aus den Augen verlieren.“ Einher ging die Entwicklung TOOLs zu einer noch stärkeren Einheit:

„Das Songwriting verlief im Grunde wie immer, doch der Umgang untereinander ist diesmal weitaus intimer und die Intensität der Arbeit stärker als sonst gewesen. Wir sind nicht nur als einzelne Musiker sondern auch als Band gewachsen. Das äußerte sich darin, dass wir aufmerksamer miteinander umgingen und auch häufiger als früher unsere Gefühle und Ideen austauschten. So haben während der Arbeit an der neuen Platte viele besondere Momente stattgefunden.“ Doch aller Stolz auf die eigene Leistung erklärt nicht, weshalb TOOL “10.000 Days“ nicht einmal ihrem Label Sony ausgehändigt hatten. Maynard selbst legte eine neutrale CD-R ein und nahm sie nach dem Durchlauf sofort wieder an sich:

„Schon immer war es uns wichtig, Kontrolle sowohl über die Band als auch über unsere Veröffentlichungen zu haben. Gerade in der heutigen Zeit, muss man Platten möglichst lange zurück halten, um sie nicht sofort online zum Download wiederzufinden. Es geht schließlich um unseren Lebensunterhalt. Wir sind auf die Verkäufe angewiesen und wollen diesbezüglich nichts dem Zufall überlassen. Das haben bislang alle Labels akzeptiert, und Sony ist da keine Ausnahme. Sicherlich ist es für Journalisten nicht ideal, dass sie das Album lediglich einmal hören dürfen und anhand dieser Erfahrung Rezensionen und Artikel schreiben müssen. Uns ist bewusst, dass es eigentlich zu viele Informationen sind, und niemand die Songs so schnell erfassen kann, aber es ist doch gleichfalls spannend, wenn auch die Meinungsführer nur eine ungefähre Ahnung des Werkes haben und dem späteren Release entgegenfiebern. In gewisser Weise lieben wir diese Geheimnistuerei, auch wenn sie unfair ist.“

Ihren Status spielen TOOL folglich nach allen Seiten hin aus: „Wir befinden uns in einer überaus privilegierten Situation, und das ist uns durchaus bewusst. Man darf aber nicht vergessen, das Glück stets auch das Ergebnis richtiger Vorbereitung und richtigen Timings ist. Wir waren smart und vorausblickend genug, um uns Leuten und Plattenfirmen gegenüber zu verwehren, die Druck auf uns ausüben wollten, und die uns in bestimmte Richtungen drängen wollten. Für eine erfolgreiche Rockband befinden wir uns in einer außergewöhnlichen Position, doch die Entwicklung über die Jahre unseres Bestehens hat uns bestätigt, diesen Weg zu gehen. Anfangs vertrauten nur wir in unsere Fähigkeiten, heute sind es gleichfalls auch unzählige Fans. Mit Plattenfirmen arbeiten wir, damit unsere Alben vertrieben werden und die damit einhergehende Arbeit von anderen Händen geleistet wird. Wir sind vor allem Künstler und wollen Musik machen. Das scheint mir fast der einfachere Job.“

 
 Links:
  toolband.com
 
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